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This Idea is a Tramp

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Heute morgen las ich in meinem Twitterstream und stieß auf die Website www.tramp-a-benz.com. Ein Mann bricht auf, per Anhalter und mit dem erklärten Ziel, nur in einem Benz zu fahren. Darüber berichtet er. Die Idee gefiel mir, und nicht zum ersten mal. Neulich war ich schon auf eine ähnliche Aktion gestoßen, die mir auch schon aufgefallen war. Ich stöberte nämlich nach einem schönen Kühlschrank und stieß auf auf die Geschichte “Der Kühlschrank ist ein Tramp”: Ein Mann bricht per Anhalter auf, erklärtes Ziel: nicht ohne meinen Kühlschrank. Darüber berichtet er.

Ich habe mir das gemerkt, weil ich nach neuen Modellen der Kommunikation suche, abseits der gängigen Werbe-Simulationen. Ich glaube nämlich, dass es durchaus auch glaubwürdige Arten gibt, über Unternehmen und ihre Produkte zu sprechen. Und dieser Tramp-Ansatz von Stefan Gbureck hätte eigentlich sehr viel Potential für einen Beitrag über slow communication gehabt: Eine offene Kooperation mit Markenherstellern eingehen und darüber berichten. Ich finde, dass dieselbe Grundidee durchaus auch für verschiedene Markenhersteller anwendbar ist, weil es ja jedesmal eine neue Geschichte wird (natürlich sollten die Markenhersteller darüber informiert sein). Ich mag den spielerischen Ansatz, dass die Produktion nicht im Voraus durchgeplant ist. Dass Spiel und Improvisation - ja: auch Scheitern - möglich ist. Dass man das wagt. Das macht die Sache spannend.

Im Falle des Kühlschranks werden die Kooperationspartner wohl Smeg und die Bar in Berlin gewesen sein, wo der Kühlschrank hintransportiert wurde. Ich finde das nicht verwerflich. Im Gegenteil. ich mag Smeg-Kühlschränke. Gegen Synergien ist nichts einzuwenden. Jeder hat einen Vorteil davon: der Kühlschrankhersteller, der Barbesitzer, der Tramper, die Zeitschriften, die darüber berichten. Und auch der Leser, das ist wichtig. Denn er wird ja nicht hintergangen, die Beteiligten und ihre Interessen sind eindeutig und er kann das selber für sich einordnen, wie er es für richtig hält. Dafür bekommt er eine schöne Geschichte mit schönen Bildern. Und den Rest des Tages kann er über das Unterwegssein nachdenken.

Das wäre das Potential, das in einem solchen Ansatz steckt. Aber wenn es stimmt, was Olaf Kolbrück Off The Record feststellt, dass im Falle von Benz/Daimler die Agentur Jung von Matt tramp-a-benz inszeniert hat, ohne sie als Kooperation kenntlich zu machen; wenn wie im derzeitigen Impressum tatsächlich so getan wird, als wäre es die alleinige Idee und Absicht des hübschen jungen Mannes, warm durch den Schnee zu trampen - ja, dann bin ich sprachlos über die Dummheit, mit der ein solches Potential verschleudert wird. Eine Idee, die ich noch neulich für einen sinnvollen neuen Ansatz in der Kommunikation gehalten habe, wird jetzt doch im Handstreich zur üblichen Werbe-Simulation gemacht. Schlimmer noch: zu simulierter Authentizität. Der Leser (Nutzer, Verbraucher), ja, er wird jetzt doch hintergangen, und damit ist sein Teil an der Synergie futsch. Er soll die Geschichte und die Produkte gut finden, aber in welchem Spiel er welche Rolle spielt - das soll er nicht wissen.

Im Ernst. Der Verbraucher, liebe Werber, der ist doch nicht blöd! Der kann sich sein eigenes Urteil bilden und das Produkt TROTZDEM gut finden. Der weiß, dass Unternehmen Interessen haben. Damit kann der Verbraucher leben.  Womit er nicht leben kann, ist, wenn er nicht ernstgenommen wird.

Übrigens:

Den Hinweis auf den kritischen Beitrag bei Off The Record habe ich von Uwe Knaus, dem Leiter des Daimler-Blogs. Er hat selbst per Twitter darauf hingewiesen. Damit hat er es mal wieder geschafft, dass es jetzt doch wieder ein neues Beispiel für glaubwürdige Kommunikation aus dem Hause Daimler gibt.

Mehr über den Aspekt der slow communication schreibe ich auf slow-media.net.

Informationen zum Thema:

“Der Kühlschrank ist ein Tramp” Fotoreportage und Klickstrecke in der ZEIT, 28. August 2010

“Unterwegs mit einem Kühlschrank” Reisenotizen und Fotodokumentation in der Ausgabe 05/2010 des FACE-Magazins, S.38-47.

Facebook-Eintrag mit Fotos der Reise