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Verfügbarkeit und Vergänglichkeit

Es ist Herbst. Und durch den Blätterwald rauscht ein Hauch von Vergänglichkeit − jenem urmenschlichen Bewusstsein, das im Barock seine bildhafte und sprachliche Blüte erreichte. “Sei dennoch unverzagt”, heißt es beim Dichter Paul Fleming.  Also getreu dem barocken Credo, lebe das Leben im Bewusstsein der eigenen Unwiederbringlichkeit, der eigenen Geschichtlichkeit.

Vergänglichkeit ist kein rein menschliches Problem und für manche Dinge ist es gar kein Problem, sondern Lebenselexier. Nehmen wir als Beispiel die Tageszeitung. Einst gehörte sie schon vor dem Frühstück auf jeden einigermaßen anständigen Tisch. War der Tag durchblättert und erlesen, verschwand das gute Stück im Feuer oder im Altpapier und am nächsten Morgen kam der druckfrische Nachfolger. Vergänglichkeit ist bei der Tageszeitung Teil des Geschäftmodells.

Gerade erklärte nun Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger in einem Interview bei MEEDIA den baldigen Tod der gedruckten Tageszeitung:

MEDIA: Sie haben einmal gesagt, Sie sind jemand, der eine Leidenschaft für gedruckte Zeitungen besitzt. Würden Sie sehr traurig sein, wenn das letzte gedruckte Exemplar des Guardian erscheint?
Alan Rusbridger: Ja, ich liebe Zeitungen. Ich bin mit ihnen aufgewachsen. Sie sind wundervoll, erfüllen viele Funktionen, die das Web nicht nachahmen kann. Aber ich kann es selbst ja nicht ändern, deswegen verschwende ich keine Zeit mit diesen Gedanken. Es gibt eine junge Zielgruppe, die mit neuen Medien groß geworden ist und Journalismus auf andere Art und Weise konsumieren wird. Klar, werde ich traurig sein, wenn es die Zeitung nicht mehr gibt. Wir sollten uns aber lieber darauf konzentrieren, wie es mit dem Journalismus weitergeht. Sollten uns mit den Werten des Journalismus auseinandersetzten, als uns immer wieder den Kopf zu zerbrechen, auf welcher Plattform dieser erscheint.

Wie viele Jahre wird es denn noch dauern, zehn oder zwanzig, bis die gedruckte Zeitung verschwindet?
Ich habe keine Ahnung. Wir haben vor sechs oder sieben Jahren ein paar neue Druckerpressen gekauft und damals hatte ich schon das Gefühl, dass dies unsere letzten sein werden. Aber Druckerpressen sind ja auch sehr langlebig. Man kann diese zwanzig, dreißig Jahre in Betrieb halten. Ich glaube, dass der Tod der gedruckten Zeitung früher eintreten wird. Aber wie schon gesagt, ich sitze nicht herum und zerbreche mir den Kopf darüber.

Die gedruckte Zeitung ist tot. Es lebe der Journalismus.

Diese Meinung und auch Alan Rusbridgers ausbleibende Trauer teilen nicht viele in der Verlagslandschaft. Sie würden lieber im status quo ante verharren und ihr Monopol auf die Erzeugung journalistischer Inhalte gerne verteidigt sehen. Sie setzen lieber auf ihre alte Funktion als medialer Gatekeeper, singen das Hohe Lied das Urheberrechts und fordern lautstark “Leistungsschutzrechte” ein. “Schluss mit der Gratiskultur” und “wider dem medialen Kommunismus”. Der glänzende Hoffnungsstern am Verlegerhorizont ist nun mangels eigener Konzepte das iPad. Hier sollen sich parallel zur Musikverlagswelt Paid-content-Modelle realisieren lassen.

Apple nennt das iPad ein “magisches und revolutionäres Gerät”. Und sicher hat Apple recht damit. Mobile Endgeräte und gerade auch das iPad bestätigen eine Entwicklung, die der Medienphilosoph und -theoretiker Vilém Flusser bereits in den 1970er Jahren konstatiert hat: den Übergang von unserer Schriftkultur zu einer Kultur der Techno-Bilder. Gerade das iPad ist wie eine Erfüllung dieser Prophetie. Es ist in konsequenter Entwicklung nur noch Bildschirm oder berührbarer Bilderrahmen, der es ermöglicht, jederzeit Bilder, bewegte Bilder, Audiodateien etc. abzuspielen.

Die digitale Medienwelt ist permanent verfügbar. Alles lässt sich zu jeder Zeit visuell aufrufen, wann und wo ich möchte. Diese ständige Verfügbarkeit steht der historischen Vergänglichkeit diametral entgegen. Verwirklichen die Zeitungsverlage ein iTunes-vergleichbares Geschäftsmodell, das passiv auf Konsum und nicht auf Beteiligung und Kreation ausgerichtet ist, bedeutet das ein Festhalten an der alten Sender-Empfänger-Struktur mit Journalisten/Zeitung auf der einen Seite und Lesern auf der anderen. Dieses Modell ist weiterhin auf Verbrauch ausgerichtet, eben auf die Vergänglichkeit von journalistischen Inhalten. Dies aber widerspricht der realen permanenten Verfügbarkeit jeder Art von Informationen. Die Bildhaftigkeit der Nachrichten und ihre fehlende mediale Vergänglichkeit bedeuten das Aus für das alte Format der Tageszeitung. Echtzeitmedien erfüllen längst ihre Funktion der Aktualität. Davor schützt auch kein Paid-Content-Modell.

Visuelle Bilder und gesprochene Sprache ersetzen die Schriftlichkeit in vielen Bereichen. Allein YouTube zeigt, wie einfach jeder seine eigene Online-Mediathek aufbauen kann. Selbst im konservativeren Umfeld erzielen Video-, Audioguides und Hörbücher wachsenden Erfolg und belegen den Aufstieg des Mündlichen und Bildlichen. Digitale Fernsehformate sind zeitlich ungebunden und sicher auch bald mobiler Alltag.

Die andauernde Verfügbarkeit der Bilder entzieht sich der Historizität: Alles ist jederzeit zu haben. Das eingangs zitierte Interview mit dem Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger zeigt den Richtungswechsel: Nicht mehr die tägliche Einmaligkeit der vergänglichen Tageszeitung zählt, sondern die qualitative Einmaligkeit jornalistischer Leistung in der Welt permanent verfügbarer Bilder.

P.S.: Die Bilder stammen von mir und befinden sich mit weiteren in guter Gesellschaft auf meinem posterous-account.