August Endell

August Endell - Architekt, Kunstgewerbler, Ästhet, Philosoph (1871-1925) | Dissertation, Aufsätze und Herausgabe einer Textauswahl

Helge David gab die kommentierte Auswahl der Texte von August Endell heraus und promovierte über dessen Texte zu Kunst und Ästhetik:

  • August Endell, Vom Sehen. Texte 1896-1925 über Architektur, Formkunst und »Die Schönheit der großen Stadt«, Basel, Berlin, Boston 1996 [Vergriffen, gelegentlich erhältlich über zvab.]
  • Helge David, An die Schönheit. August Endells Texte zu Kunst und Ästhetik 1896 bis 1925, Weimar 2008 [Erhältlich als Buch oder pdf bei VDG-Weimar.]
  • Helge David, Ein fließender Teppich. Zur Ästhetik von August Endell, in: Nicola Bröcker, Gisela Moeller, Christiane Salge, August Endell 1871-1925. Architekt und Formkünstler, Petersberg 2012, S. 68−75 [Erhältlich u.a. bei Amazon.]

„Reine Formkunst ist mein Ziel. Fort mit jeder Association. Formkunst als Parallele der Musik.“ Wie eine Prophezeiung der abstrakten Malerei liest sich der 1897 formulierte Kernsatz der Ästhetik von August Endell. Genau in diesem Jahr plante er das Fotoatelier Elvira, das ihn durch die seeungeheuerliche Ornamentik und bizarre Farbigkeit auf einen Schlag bei den einen berühmt und bei anderen berüchtigt machte. Sieht man sich das geschriebene Werk Endells genauer an, zeigt sich schnell, dass der scheinbaren Willkür des individuellen Entwurfes ein fundamentiertes ästhetisches Gerüst zugrunde lag. Mit etwa 60 Texten hat sich Endell facettenreich zu Kunst und Ästhetik geäußert.

Dissertation zu August Endell und kommentierte Ausgabe seiner Texte

Dissertation zu August Endell und kommentierte Ausgabe seiner Texte

Endells Denken und Schaffen war vom lebhaften Austausch mit der kulturellen Avantgarde seiner Zeit geprägt: Er hatte Philosophie bei dem Wahrnehmungspsychologen Theodor Lipps studiert und konvertierte nach einer Begegnung mit Hermann Obrist zur bildenden Kunst. Die Philosophie Friedrich Nietzsches und das Umfeld des Philosophen hinterließen lesbare Spuren in der Ästhetik Endells ebenso wie Stefan George, Karl Wolfskehl, Lou Andreas-Salomé, Sabine Lepsius und weitere Schwabinger und Berliner Geistesgrößen.
Endells Ästhetik hatte mit der Schaffung einer künstlerischen Kultur eine umfassende kulturelle Erneuerung zum Ziel. August Endell schuf als Architekt und Kunstgewerbler unverwechselbare Kunstwerke - als Denker und Ästhet steht er in der Tradition der Moderne, die zu Wassily Kandinsky und Ludwig Mies van der Rohe führt.

Leseprobe:

Anfang

Aller Anfang ist schwer. August Endell war gerade 26 Jahre alt, als er 1897 seinen ersten großen Auftrag erhielt: das Fotoatelier Elvira in München. Er war kein ausgebildeter Architekt, sondern ein zur Kunst bekehrter Philosoph. Nahezu unvorstellbar, dass gerade er mit der Gestaltung des Baues an der Von-der-Tann-Straße, in bester Münchener Lage, beauftragt wurde. Direkt mit diesem Erstlingswerk aber sicherte sich Endell ganz unbeabsichtigt den Einzug in die Kunstgeschichte. Das monströse Ornament und die bizarre Farbigkeit der Fassade sollten seinen Ruf stärker festschreiben als ihm lieb sein konnte. Die Seeungeheuerlichkeit seines Entwurfes schockierte das Architekturestablishment und war selbst bei modernen Architekten, die auch nach neuen Ausdrucksformen in der Architektur suchten, umstritten. Dieser unerlaubte Bruch mit allen bekannten Regeln strotzte nur so vor Individualität. Die Fassade erscheint auf den ersten Blick wie eine lebensunfähige geschichtliche Mutation, die durch ihre Grellheit einen Tag lang für Furore sorgen kann, dann aber als wirkungslos und verfehlt vergessen wird.
Dennoch bleibt dieses Gebäude bis heute interessant. Sein Bild fehlt in kaum einem Überblickswerk der Architektur des 20. Jahrhunderts. Hat es also Qualitäten jenseits einer Skurilität? Wer war August Endell? Ein Punk mit Hang zum Überornament? Oder ein Meister des Jugendstils? Oder gar ein Herold der Moderne?
Wagen wir einen Blick auf andere Bauten Endells. Von seinem Werk ist allerdings nicht viel geblieben. Viele Bauten sind zerstört oder verbaut oder einem größeren Publikum unbekannt. Nur wer in Berlin am Hackeschen Markt aussteigt, wird fast wie von selbst mitgeschwemmt in Richtung der Hackeschen Höfe, deren ersten Endell gestaltete. Hier erwartet den städtischen Schlenderer ein farbiger Formenreichtum, der zu gefallen weiß. Ganz und gar nicht schrill und laut wie die Elvira-Fassade eignet sich die Hof- und Gebäudegestaltung bis heute als Ort modernen städtischen Lebens. Cafés, junge Designer, Theater haben hier ihren festen Platz. Der Ort ist im Jahr 2005 „hip”. War am Ende der Entwerfer der Elvira-Fassade gar kein Wahnsinniger? Hatte das alles Methode?
Was trieb August Endell, diesen hageren, stets kränklichen Menschen mit Hang zur storchenhaften Erscheinung, an?
Gehen wir zum Ausgangspunk zurück: Hier erhält ein Philosoph den Auftrag, als Architekt zu arbeiten. Über die Architektur und die kunstgewerblichen Arbeiten des Philosophen als sichtbare Zeichen seines Gestaltungswillen gibt es wissenschaftliche Aufsätze, Kataloge und Dissertationen. Sicherlich gibt es auch hier noch einiges zu forschen und zu schreiben. Diese Arbeit stellt dagegen das Nicht-Sichtbare, die Grundlage des Gestaltungswillens von Endell in seinen Mittelpunkt. Gesucht wird die Philosophie und Ästhetik des Architekten und Kunstgewerblers August Endell.
[...] Historische Spuren führen zu vielen prominenten Kunst- und Geistesgrößen. Endell studierte beim damals bekannten Psychologen Theodor Lipps. Er kam wie viele Künstler und Intellektuelle zur Jahrhundertwende mit dem „Virus” Nietzsche in Kontakt. Er verkehrte in den Kreisen um Stefan George. Er durchlitt eine Ménage-à-trois. Er traf auf Hermann Obrist und dessen Kunst.

VDG - Verlag und Datenbank für Geisteswissenschaften
Weimar 1. Aufl. 2008, 398 Seiten, 105 Abb. s/w, Broschur

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Kommentar zu “August Endell”

  1. Barbara

    Gratuliere! Eure Homepage wirkt!!! Lebendig , klar, professionell und innovativ.

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