Hallo, ich bin’s! Über “In-die-Kamera-Winker” und das Mitmachweb

Der Astronaut David Griggs winkt

Der Astronaut David Griggs winkt

Bei Live-Übertragungen aller Art sind sie zu sehen: die In-die-Kamera-Winker. Hinter Günter Netzers Spielfeldanalysen schieben sie sich grüßend ins Bild. Wer auch immer über den Rosenmontagszug oder die Fußball-Weltmeisterschaft berichtet, ist umringt von winkenden Menschen. Es scheint ein nur mühsam zu bändigendes Urbedürfnis zu sein, denn es betrifft bei weitem nicht nur Fußballfans oder Karnevalisten. Jede Kamerafahrt durch Samstagabendshow-Publikum offenbart dasselbe: Huch, wir sind im Fernsehen. Winken. Entzücken bei den zu Hause gebliebenen Kindern, wenn der Vater auf Ansage durch das Bild des Konferenz-Livestreams läuft. Auf Parteitagen dasselbe, ebenso bei Fernsehübertragungen von Gottesdiensten. Astronauten winken sogar aus dem All, eine größere aufzuhebende Distanz gibt es nicht. Sie sagen damit: Ich bin hier und du bist da, so weit weg und doch können wir uns zuwinken.

Manche Betroffene sind zwar zivilisiert, bändigen sich und grüßen die Daheimgeblieben nicht. Sie schauen beherrscht in die Kamera, aber auch ihr Blick sagt: Ich tu es zwar nicht, aber ich könnte da jetzt in diese Linse winken.

Der Impuls ist da, auch wenn man sich beherrscht. Wir können diesen kindlichen Reflex nachvollziehen, auch wenn wir das In-die-Kamera-Winken eigentlich peinlich finden. Warum? Was ist es, was uns da antreibt? Ich denke: Es ist das Bedürfnis, Kontakt aufzunehmen. Die besondere Wollust liegt darin, direkten Kontakt über eine große Distanz, über ein dazwischenliegendes Medium hinweg, aufzunehmen. Vielleicht ist es die Freude an der Überwindung von Distanz, die uns dazu antreibt. Und die Freude darüber, dass die Kontaktaufnahme gelingt, trotz allem, was zwischen uns liegt.

Vielleicht können so auch Nicht-Onliner nachvollziehen, warum es durchaus eine Bereicherung sein kann, über digitale Medien miteinander in Kontakt zu treten und miteinander zu sprechen. Auch hier geht es um die Überwindung von (räumlichen, hierarchischen, disziplinären) Distanzen und das Gelingen von Kontaktaufnahme. Leser können über die Kommentarfunktion mit geschätzten Autoren von Zeitungen ins Gespräch kommen. Wir können mit Kollegen und Freunden, deren Beruf sie ans andere Ende des Landes verschlagen hat, Projekte weiterentwickeln. Das Schöne daran ist, dass hier im Gegensatz zum In-die-Kamera-Winken sogar Antwort kommt. Obwohl soviel zwischen uns liegt. Wie bei dem NASA-Astronauten Mike Massimino. Er winkt nicht nur aus dem All. Er twittert auch aus dem All. Inzwischen sind es über eine Million Menschen, die ihm dabei zusehen und antworten können.

Foto: Wikipedia

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