Vom Lesbarsein und Verstandenwerdenwollen

Nein, ich bin nicht Teil des engeren akademischen Diskurses. Meine Universitätszeit liegt schon eine ganze Weile zurück, dem Denken aber bin ich treu geblieben. Nun erreichte mich ein wissenschaftlicher Text (kein Text im eigentlichen Sinne: ein Interview), und schon war er da: Der Unmut über die kommunikationsverweigerne Haltung mancher wissenschaftlicher Beiträge.

Ich habe Germanistik und Sprachwissenschaften studiert, aber das Schreiben habe ich dort nicht gelernt. Das Schreiben, das verstanden werden will, Leser gewinnen will, für eine Sache oder für ein Thema. Diese Art des Schreibens habe ich in den Niederungen einer Agentur gelernt, mit ganz profanen Themen. Das mag man verwerflich finden. Ich jedenfalls tat das zunächst, als ich mich von den Höhen der Wissenschaft in die fiese Welt der Wirtschaft geworfen sah. Profan? Vielleicht. Aber werbliche Kommunikation will verstanden werden. Sie hat einen klaren Auftrag. Sie sucht ein Gegenüber. Sie sagt: Sprich mit mir. Sie ist eine Einladung zum Gespräch. Und das schätze ich sehr.

Anders mit manchen wissenschaftlichen Beiträgen. Sie laden nicht zum Gespräch ein, sie machen einem die Tür vor der Nase zu. Sie sagen “Wir müssen leider draußen bleiben”. Oder “heute: geschlossene Gesellschaft”. Sie sprechen ex cathedra. Es ist ein zirkulärer, ein autistischer Diskurs, der nicht das Gespräch sucht, sondern Wichtigkeiten verteilt und Claims absteckt. Die Beiträge wollen etwas loswerden, aber sie wollen keine Antwort. Sie wollen es - sich - möglichst schwer machen. Sie sagen nicht “Sprich mit mir” oder “Was hältst du davon?”. Sondern sie sagen: “Lass mich in Ruhe”. Und: “Ich bin klüger als du”.

Ist das das Wesen der Kommunikation? Nein.

Es ist keine Kunst, zu Leuten zu sprechen, die einem ohnehin zuhören müssen. Es ist eine Kunst, Leute zum Zuhören zu bewegen, die eigentlich ganz anderes im Sinn haben. Was wäre gegen verständliche und lesbare wissenschaftliche Beiträge einzuwenden? Sollten Studenten an den Hochschulen nicht auch lernen, lesbar zu sein? Statt nur die üblichen zwei bis drei handvoll Codewörter in ihren Arbeiten zu verteilen, um sich damit die Zugangsberechtigung zu dem wissenschaftlichen Zirkel verschaffen?

Sicher, es gibt auch wissenschaftliche Beiträge, die angenehm diskursiv sind. Natürlich richten sich - wissenschaftliche wie werbliche - Fachtexte immer nur an Fachkundige, sind nie allgemeinverständlich. Und - ja - es gibt werbliche Kommunikation, die misslingt, sich selbst im Weg steht oder einfach arrogant und selbstverliebt ist. Oder das Ganze als nervtötendes Geschrei um Aufmerksamkeit missversteht (wer will schon mit jemandem sprechen, der blinkt und zappelt?).

Aber entscheidend ist die Haltung, mit der ich als Mensch, als Unternehmen oder auch als Wissenschaftler meinen Zuhörern, Lesern, Teilnehmern und Zuschauern gegenübertrete. Ist es mir ernst mit der Kommunikation oder nicht? Der Rest ist Handwerk: Das Finden der richtigen Stimme, die Auswahl der geeigneten Medien und Mittel, mit denen dies auf elegante und schlüssige Art möglich wird.

Und irgendwo da liegt sie, die gute Kommunikation. Die, die wirklich ein Gegenüber sucht und ein echtes Gespräch anbietet.

(zum Beispiel hier)

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4 Kommentare zu “Vom Lesbarsein und Verstandenwerdenwollen”

  1. Stuttgart 21: die öffentliche Schlichtung | TEXT-RAUM

    [...] für eine Wohltat, dass öffentlich Verständlichkeit gefordert wird. Wenn mehr Transparenz den Effekt hat, dass Experten verständlich kommunizieren [...]

  2. slow media » S21: Experiment am offenen Kopfbahnhof

    [...] für eine Wohltat, dass öffentlich Verständlichkeit gefordert wird. Wenn mehr Transparenz den Effekt hat, dass Experten verständlich kommunizieren [...]

  3. Annette Schwindt

    Wie wahr! Das hat mich im Studium schon genervt und heute nervt es mich auch in Blogs etc. Ich denke mir dann auch oft: Wenn derjenige es nur umständlich ausdrücken kann, dann hat er es vielleicht auch selbst noch nicht wirklich verstanden? Sich laienkompatibel auszudrücken ist nämlich die große Kunst!

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