Bitte nicht im Meer versenken: Werbeetat

„Ich buche nur im Reisebüro.” Blaues Meer, eine sommerlich-leichtbeschürzte Reisende auf einer Schaukel. Im Vorbeigehen wirkt dieses Plakat vielleicht harmlos. Bleiben Passanten aber stehen und beschäftigen sich damit (und das sollten Passanten ja idealerweise bei einem Plakat tun), zeigt es sich als gutes Beispiel für schlechte Außenwerbung. Es tut nicht weh. Aber es bewirkt auch nichts.

Fangen wir mit den kleineren Fauxpas an: Der Claim „das besondere reisebüro” reiht sich in die unendliche Reihe nichtssagender Claims ein und wird von geschätzten 200.000 weiteren besonderen Reisebüros geteilt. Zur grafischen Gestaltung lässt sich allenfalls das Lob “Du kannst schon Füße in Photoshop freistellen” anbringen.

Die zentrale Fehlleistung ist aber folgende: Das Plakat erreicht sein Ziel nicht, das Thema der Kommunikation ist komplett verfehlt. Es findet keine Kommunikation statt. Die Realität wird ignoriert. Warum soll der Passant im Reisebüro buchen? Das erfährt er hier jedenfalls nicht.

Was ist passiert?

Ein Unternehmen entscheidet sich, mit seinen potentiellen Kunden in Kontakt zu treten. Dazu wird eine Werbeagentur gebucht. Die wird vom Unternehmen gebrieft und entwirft eine entsprechende Kampagne. Die Werbemittel werden gedruckt. 18/1-Plakatflächen gebucht und es wird plakatiert. Aber halt. Werbeagentur? Gebrieft?
Wo sind Unique Selling Profit (also das, was dieses Reisebüro von den 199.999 anderen besonderen Reisebüros unterscheidet)? Der Benefit (der konkrete Nutzen für uns Kunden)? Und Reason Why (der Grund, aus dem wir nur in diesem Reisebüro buchen sollen)? Werden wir hier verschaukelt?

“Ich buche nur im Reisebüro!” ist ein frommer Wunsch. Aber: Warum soll ich das tun? Die Antwort wäre: Weil Reisebüros tolle Dienstleistungen anbieten. Meinen ersten New York Besuch habe ich einem cleveren Reisebüro-Angestellten zu verdanken: Ich suchte damals einen günstigen Flug nach Island. Er riet mir zu einem Flug nach New York mit Stop-over in Reykjavík. Und in der Tat war der günstiger als ein reiner Reykjavík-Flug. Tolle Dienstleistung. Flug gebucht und bezahlt. Island und New York. Kunde froh. Reisebüro froh.
Davon steht hier nichts. Das Reise-Unternehmen wusste offensichtlich nicht, was es eigentlich kommunizieren wollte. Und die Agentur hat nicht nachgefragt. Gut beraten war der Auftraggeber da nicht. Das Resultat: keine Botschaft, keine Emotion, Werbeetat im blauen Meer versenkt.

Und das zu einer Zeit, in der das Verkennen von gesellschaftlichen Realitäten unbarmherzig von eben diesen bestraft wird. Unter solchen Voraussetzungen kann ein Geschäftsmodell nicht funktionieren. “Ich buche nur im Reisebüro!” geht an diesen Realitäten vorbei. Diejenigen, die sowieso nur im Reisebüro buchen, tun das ohnehin. Warum sollten die anderen in ein Reisebüro gehen, wenn sie mit drei Mausklicks bei Aldi Reisen und tausend anderen Anbietern billiger online direkt an jedem Strand der Welt liegen können?
Welches sind also die Gründe, im Reisebüro zu buchen? Wer darauf keine Antwort findet und sie zügig den Menschen mitteilt, wird früher oder später von der Bildfläche verschwinden. Und zwar trotz großer bunter und teurer Plakate.

Nachtrag

Fünf Tage später hängt an genau gleicher Stelle das folgende Plakat:

These der völligen Austauschbarkeit hiermit bewiesen.

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3 Kommentare zu “Bitte nicht im Meer versenken: Werbeetat”

  1. Sabria

    Um noch einmal den Blick auf den Gipfel der Absurdität zu lenken: Das Plakat oben warb dafür, Reisen im Reisebüro zu buchen. Das Plakat unten wirbt dafür, Reisen im Internet zu buchen.

  2. Thomas

    re:wenn sie mit drei Mausklicks bei Aldi Reisen und tausend anderen Anbietern billiger online direkt an jedem Strand der Welt liegen können?
    ———————————–
    Wer sagt denn das die Reisen im Internet billiger sind ?
    Das sind sie nicht ! Gehe doch mal ins Reisebüro mit deiner im Internet recherchierten Reise, ich verkaufe sie dir zum selben Preis, aber du hast einen Ansprechpartner und es werden Arbeitsplätze erhalten.

  3. sabria david

    @Thomas
    Wenn das stimmt, dann zeigt das ja um so mehr, dass Reisebüros die Vorteile des Im-Reisebüro-Buchens deutlicher kommunizieren müssen. Beratung, guter Preis, Verbindlichkeit und Service: die Reisebüros haben zwar alle Argumente auf ihrer Seite, aber den Kunden scheint das ja nicht klar genug zu sein. Und Preisdumping nützt dann auch nichts, wenn die Kunden sowieso davon ausgehen, dass es im Reisebüro teurer ist als im Netz.

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