Diskurs: ein hin- und hergehendes Gespräch

Womit hat es eigentlich angefangen? Mit einem Buch? Einem Zeitungsartikel? Einer Talkshow? Oder mit einer Girlande von Twittermeldungen und Blogbeiträgen? Das lässt sich nicht genau feststellen. Sicher ist jedenfalls eine Zunahme an Äußerungen zum Thema Medienwandel. Ich finde das gut, schließlich ist der Medienwandel auch eines meiner Lieblingsthemen.

Gestern trat die Debatte in eine Phase, die interessant ist: Sie wird zu einem Diskurs zwischen Menschen, die verschiedene Positionen vertreten und sich gegenseitig zuhören. In welchem Medium? In dem Medium, das gerade zur Verfügung steht. Vielleicht der Prototyp einer neuen Art des Diskurses? Schauen wir hin:

Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Print-Tageszeitung FAZ, schreibt ein Buch, Payback, in dem er die Reizüberflutung des digitalen Zeitalters beklagt.

Michael Praetorius erfindet die Isarrunde. Dort unterhalten sich echte Menschen miteinander über den Einfluss digitaler Entwicklungen auf unser tägliches Leben. Das Ganze wird als Video gefilmt und übers Internet zugänglich gemacht.

Beide - Schirrmacher und Praetorius - treffen in einer Radio-Talkshow von Antenne Bayern aufeinander und unterhalten sich über die mediale Informationsflut.

Michael Praetorius führt die Fäden des Gespräches in einem Blogbeitrag weiter. Weitere Mitglieder der Isarrunde greifen die Themen auf. Michael Reuter fügt dem Isarrunden-Blogbeitrag Zwischenkommentare hinzu und erklärt in einem eigenen Blogbeitrag, warum er zwar im Internet Daten hinterlässt, aber die Payback-Karte ablehnt. Benedikt Köhler empfiehlt auf seinem eigenen Blog gegen die Reizüberflutung das Umdrehen des blinkenden Blackberrys und wendet die Theologie der Talking Heads auf den Paradiesbegriff an.

Auf den Beitrag von Michael Praetorius - und jetzt wird es wirklich spannend und durchbricht das übliche Lagerdenken - reagiert Frank Schirrmacher per E-Mail auf Michael Praetorius und ergänzt einige Anmerkungen. Diese werden als direkte Ergänzung seiner Position im Blogbeitrag veröffentlicht.

Das ist Kommunikation par Exellence, und wir lernen daraus: Es kommt drauf an, ob man einander zuhört und miteinander spricht. Nicht darauf, in welchem Medium man das tut.

Nachtrag: Inzwischen hat sich die Diskussion mit Herrn Schirrmacher auf die Kommentare des Isarrunden-Blogs verlagert. Wie ein Gespräch, das im Café beginnt und beim Flanieren auf dem Bürgersteig fortgeführt wird und in der U-Bahn, im Bus, am Telefon oder beim Abendessen weitergeht.

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4 Kommentare zu “Diskurs: ein hin- und hergehendes Gespräch”

  1. Michael Praetorius

    Ich finde diese Kettenreaktion großartig. Genau das ist meine Vorstellung. Medien zerfließen in ihren Gattungen. Wir sprechen nicht mehr von TV, Radio oder Online, sondern die Inhalt steht als nicht-beginnender und nicht-endender Prozess im Mittelpunkt:

    http://www.youtube.com/watch?v=ayMnDT3pQQc

  2. Sabria

    Das ist ganz meine Erfahrung: Gespräche, Themen und Thesen, die durch verschiedene Medien wandern und dabei (im Gespräch gewissenmaßen) Gestalt annehmen. Das ist m. E auch eine ganz große Fähigkeit von Twitter: Es verweist auf und verknüpft externe Medien und Menschen und ermöglicht solche Diskurse. Es kann also weit mehr als ein reiner Nachrichtenkanal.

  3. viralmythen

    Mit dem Blackberry im Methusalemkomplott…

    Ich muss gestehen, dass mich bisher die Debatte um die digitale Überforderung – zum Wortführer dieser Scheinbewegung hat sich Frank Schirrmacher gemacht – wenig berührt hat. Vielleicht ist mit folgender abgewandelter Tocotronic-Textzeile…

  4. Benedikt

    Ganz genau: Massenmedien senden; soziale Medien verknüpfen - Menschen, Informationen, Orte, Zeiten. Das schöne ist, dass sich diese Verknüpfungen manchmal überhaupt nicht an die vorgegebenen Bahnen, Hierarchien, Herrschaftspositionen halten, sondern kreuz- und querverbinden. Das ist das disruptive Potential von Social Media. Das kann bisweilen verwirren oder beunruhigen.

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