The State-of-the-Art: Museen und Medien

Der Kulturbetrieb und die Neuerungen haben ein zwiespältiges Verhältnis zueinander. Auch die Moderne, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts herauskristallisierte, und später selbst Epochengeschichte schrieb, wurde nicht eben freundlich von der etablierten Kulturwelt empfangen. Ein Kritiker urteilte in der Pariser Wochenzeitung 1876 anlässlich einer Impressionisten-Ausstellung:

„Es ist eine ähnliche Verblendung, als wenn die Insassen einer Irrenanstalt Kieselsteine aufheben und sich einbilden, sie hätten Diamanten gefunden.“

Ein harsches Urteil − lange bevor die moderne Kunst bei Kandinsky und Picasso angelangt war. Gleichzeitig waren es stets Künstler, die neue Entwicklungen in Wissenschaft, Philosophie und Technik aufnahmen und der Gesellschaft einen Innovationsschub gaben. Unterstützt wurden die Künstler von avancierten Galeristen, Sammlern und Museumsleuten.

Kultur im Zeitalter des Mit-mach-Web

Wie offen zeigt sich heute der Kulturbetrieb gegenüber Neuerungen? Videokünstler haben mit dem Internet und den neuen Mit-mach-Web Anwendungen ein ideales Betätigungsfeld gefunden. Hier ein schönes Beispiel der amerikanischen Künstlerin und Autorin Miranda July.


Miranda July, How to make a button

Ansonsten lautet die Strategie der wichtigen Mitspieler zumeist Konservieren oder Ignorieren.

Wichtige und spannende Entwicklungen werden nicht als solche wahrgenommen. Nein, die Möglichkeiten des Internets heute lassen sich natürlich nicht mit dem Paradigmenwechsel der Moderne vergleichen. Aber ja - in der Welt der Kommunikation ist einiges Neues in Bewegung. Das begeistert die neue-medien-affine Jugend. Aber schon die etwas Älteren heben die Hände und lehnen die Neuerungen reflexhaft ab.

In manchen Wirtschaftsunternehmen kommt der Wandel der Kommunikationslandschaft so langsam an. Im Kultursektor muss man Beispiele wie die Künstler- und Designer-Plattform iamiam im Google-Heuhaufen lange suchen.

Wieso eigentlich?

Klar, Museen sind auch ein Ort des Bewahrens. Aber können sie sich nicht zugleich Neuem öffnen? Kaum ein Museum oder eine andere Kulturinstitution wagt den Schritt hinaus in die inspirierende weite Welt des Mit-mach-Web.

Was ist das überhaupt - das Mit-mach-Web oder kurz das Web 2.0?

Die Schlüsselelemente sind sicherlich:

  • Interaktion
  • Kollaboration
  • Partizipation

Basis für das Web 2.0 sind ein neues Verständnis und eine veränderte Nutzung des Internet. Vorher wurden primär Informationen, Wissen und Unterhaltungselemente in einem einseitigen Strom von größeren Anbietern im Internet bereitgestellt und von den Nutzern abgefragt und konsumiert. Heute ist das Web 2.0 von Austausch geprägt. Soziale Software wie Wikis und Blogs ermöglichen jedem, einfach Inhalte online zu stellen, die dann andere wiederum bearbeiten bzw. kommentieren können. Foto- und Videoportale können genutzt und auch mit eigenen Beiträgen gefüllt werden. Hinzu kommen soziale Netzwerke und Mikrobloggingplattformen wie twitter.

Die Möglichkeiten des Web 2.0 und seiner umfassenden Kommunikationsmöglichkeiten hat uns medienwirksam der aktuelle US-Wahlkampf gezeigt. Und wer aufmerksam hinsieht, merkt, dass Obama auch als Präsident die neuen Kommunikationskanäle offen hält: ein eigener Kanal auf YouTube, twitter, interaktive Websites. Nun sind die US-Amerikaner in der Nutzung dieser Kommunikationswege einige Kilometer voraus. Aber so langsam landet das Web. 2.0 auch hier auf einem breiteren öffentlichen Boden. In Klaus Klebers heute-journal werden die Zuschauer durch den „Elektrischen Reporter” alias Mario Sixtus über twitter aufgeklärt. Sascha Lobo - Deutschlands Vorzeigeblogger - ist mit roter Irokesenfrisur längst als Marke und Dauerexperte für alle Formen moderner Kommunikation etabliert.

Im Web 2.0 wird das Wissen der Masse zu massenhaftem Wissen, das sich z.B. in der Anfangs belächelten Wikipedia aggregiert. Heute nutzt sogar die lange als heiliger Gral des abendländischen Wissens verehrte Encyclopaedia Britannica genau dieselbe Methode der Wissensaktualisierung: Das Wissen der Internetbenutzer fließt ein in die Datenbanken und wird alle 20 Minuten online aktualisiert.

Change − die Zeichen stehen auf Wandel

Partizipation heißt das Zauberwort. Es ist allenthalben zu spüren. In Obamas Wahlkampf brachte Facebook Mitbegründer Chris R. Hughes sein Know-how ein. Über social networking mobilisierte Obama hundertausende Freiwillige und eine Rekordspendensumme für seine Wahlkampfkasse − was ihm zum Sieg verhalf.
Wenn Obama erst als Kandidat und nun als Präsident seine Botschaften via YouTube direkt an Frau und Mann bringt, werden auch die Starjournalisten weniger wichtig. Das Herrschaftswissen nimmt mit zunehmender Teilhabe aller ab. Das ist Demokratie. Information ist aller Orten und wird selbst zur Quelle vielfacher Inspiration.

Und genau hier hakt es noch bei den Internetpräsenzen der Museen: Sie sind im Grunde jetzt bereits museal. Und nur im seltenen Fall inspirierend.

Woran liegt das? Die meisten Museen nutzen das Internet in gewohnter alter Repräsentationsmanier. Was zeigen wir. Wann haben wir geöffnet. Welche Ausstellung kommt als nächstes usw. Das ist das Gegenteil von Teilhabe. Das ist einseitige Kommunikation, also: Monolog.
Das mag für die Galerien und den etablierten Kunstmarkt ja derzeit noch gut funktionieren. Aber das liegt daran, dass hier die Mitspieler - Sammler, Galeristen, Künstler - eine kleine fest umrissene Gruppe bilden, die noch face-to-face kommunizieren können.  In größeren Kontexten müssen neue, wechselseitige Kommunikationsströme etabliert werden.

Inspiration vs. Musealität

Eine der wenigen Museumswebsites mit Web 2.0 Elementen - und damit bemerkenswert - kann das Frankfurter Städel Museum vorweisen.

Neben dem klassischen Überangebot an sachlichen Informationen und Selbstdarstellung, finden wir hier Web 2.0 Elemente, die direkt begeistern. Gerne klickt man auf Schlagwörter aus der Wortwolke: Licht, Maria, rot, blau, Pappelholz, Wolken … Hier darf man sich intuitiv ausleben und wird durch die den Schlagwörtern zugeordneten Bildern der Museums belohnt. Es entstehen ganz einzigartige Zusammenhänge von Bildern aus verschiedenen Jahrhunderten und Ländern. Einfach inspirierend. Wer jetzt nicht Lust hat, sofort ins Städel zu gehen, der will auf der Website bleiben und sich unter „Mein Städel” anmelden. Hier kann sich jeder seine eigene Sammlung zusammenstellen, als Kurator tätig werden, Bilder kommentieren oder den persönlichen Städel-Veranstaltungskalender mit den kommenden Terminen versehen. Und dann werden sie und er − ganz leibhaftig − erst recht ins echte Städel gehen.

Die Netzwerke für alle

„Wem nützt das?”, fragt der Skeptiker und übersieht dabei die sich wandelnde Kommunikationslandschaft:

  • Die Relevanz der Printmedien sinkt.
  • TV und Internet verschmelzen immer mehr.
  • Bei der Menge der zur Verfügung stehenden Informationen, werden Informationsfilter immer wichtiger. Da ist es wichtig, bei den großen Suchmaschinen vorne gelistet zu sein. SEO heißt hier das Zauberwort Search Engine Optimisation - also Suchmachinenoptimierung.

Die 2.0 User mögen heute noch eine für die Museen relativ unbedeutende Gruppe sein. Morgen sind sie die Mehrheit. Die heute etwa 20jährigen sind die Hauptzielgruppe der nahen Zukunft. Sie bewegen sich schon jetzt ganz selbstverständlich in den gängigen social networks wie StudiVZ (etwa 12 Millionen registrierte Nutzer), wer-kennt-wen (5,5 Millionen) und facebook (derzeit 2 Millionen Nutzer in Deutschland, Tendenz stark steigend).

Die Entscheider in den Museen und Kulturinstitutionen gehören zur Generation im Alter von 40+. Sie kennen social networks meist nur vom Hörensagen oder von ihren Kindern. Auch beim derzeit angesagten Microbloggingdienst twitter ist die Zahl der 40+ verschwindend - selbst unter den klassischen Journalisten. Einige wenige sind schon einen Schritt weiter: Das MoMA, die TATE und in Deutschland das Städel twittern und experimentieren mit dem neuen Medium. Sie sammeln jetzt Erfahrungen, die Zeit brauchen. Und sichern sich ihre herausragende Stellung im sich ebenfalls globalisierenden Kulturbetrieb.

Wir gestalten unsere Kommunikationskultur

Museen und Kulturinstitutionen brauchen eine Strategie, wie sie mit ihren Besuchern, Kunden, Mitgliedern, Mitarbeitern − kurz mit den Menschen − kommunizieren wollen. Hochwertig gedruckte Publikationen wie Kataloge und Fachzeitschriften werden gerade im Kunstbereich weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Als sinnliches Medium, zur Forschung, zur Dokumentation und als wichtiges Quellenmaterial. Große Teile der Kommunikation werden aber verstärkt über das Internet laufen. Welche Elemente des Web 2.0 im Kulturbetrieb einen wirklichen Mehrwert bringen, muss dabei für jede Institution neu und individuell entschieden werden. Jede Maßnahme soll ja Nutzen schaffen und nicht unnötige Kosten verursachen.

Technologisch lassen sich Web 2.0 Anwendungen gut umsetzen und dann in eigener Regie pflegen. Mit Typo3, Drupal, Yoomla! stehen open source Content Management Systeme kostenfrei zur Verfügung. Selbst die Blogsoftware WordPress eignet sich für kleinere Häuser, um partizipative Elemente auf ihrer Internetpräsenz zu integrieren. Social networks und Communities werden für Kulturinstitutionen ein immer wichtigeres Instrument der Öffentlichkeitsarbeit und Kundenbindung. Selbst bei Forschungsprojekten können Microblogging und Web 2.0 Anwendungen die Kommunikationsflüsse beschleunigen, effizienter gestalten und öffnen. Das gesamte - bislang weitestgehend ungenutzte - Potential von Web 2.0 Anwendungen ist in den Bereichen Kunst, Kultur und Wissenschaft noch gar nicht abzuschätzen. Riesige, räumlich ungebundene Datenbanken existieren bereits. Eine globale, partizipative Wissensgesellschaft entsteht. Sie ist bereits Teil unserer Kultur. Vergessen wir also nicht: Kunst ist Kommunikation. Und Kommunikation ist möglich.

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