Hélène Grimaud über Perfektion und falsche Töne

Die französische Pianistin Hélène Grimaud hat am 26. Juni 2009 im Festspielhaus in Baden-Baden einen Klavierabend gegeben. Am Tag danach wurde sie im Rahmen der Talksendung “Menschen der Woche” von Frank Elstner interviewt. Dort wird sie von Elstner gefragt: “Haben Sie gestern Abend einen Fehler gemacht?” Er wollte auf die Frage hinaus, wann ein Künstler, der Perfektionist, selbst mit seinem Werk zufrieden ist.

Aber Hélène Grimaud antwortet anders als erwartet.
Sie sagt etwas Überraschendes. Sie sagt, ob ein Spiel gut ist, hängt nicht davon ab, ob die Töne richtig sind. Sie sagt, der Vortrag eines Stückes ist dann gut, wenn dem Pianisten etwas gelingt, ein guter Ausdruck, Bewegung, die Rührung der Zuschauer. Wenn im Spiel etwas entsteht. Und dazu gehöre es auch, dass der Pianist etwas wagt, es riskiert, dass einzelne Töne nicht perfekt stehen. Ein fehlerfrei gespieltes Musikstück ist nicht automatisch gelungen. Im Gegenteil: Sie sagt “Darin sind genug falsche Töne, um gut gespielt zu sein”.

Ein gelungener Klavierabend im Sinne Grimauds ist ein sehr schönes Beispiel für Emergenz-Phänomene: Auf einer übergeordneten Ebene entsteht etwas, das über die Summe der (richtigen) Einzelteile hinausgeht. Das ist die Grundlage vieler kreativer Prozesse, bei denen auch das Spiel, das Spielerische, entscheidend ist und nicht nur das lineare Addieren von Einzelteilen.

Die reine Fehlervermeidung sollte auch beim Fehlermanagement in Unternehmen nicht das oberste Ziel sein: sondern ihre konstruktive Einbeziehung im Prozess des Immer-Besser-Werdens. Fehlerfrei ist nur, wer gar nichts tut. Perfektion verhindert Spiel und Kreativität. Innovation braucht Spiel. Neues entsteht nur, wo auch Fehler riskiert werden.

Zu dem Interview gibt es leider keinen Podcast. Als Ersatz also die auf ihre Art doch perfekte Hélène Grimaud beim Klavierspielen:

Stichworte: , , , , , , ,

2 Kommentare zu “Hélène Grimaud über Perfektion und falsche Töne”

  1. maximturner

    das ist doch die, die neben der musik wölfe züchtet, nicht wahr ? ..nun ja, ich finde jedenfalls an ihrer aussage nichts besonderes. das weiß doch jedes kind….es gibt ein musikmachen und es gibt ein musikmachen durch die musik selber… (spirituelle sphäre) dass einzig wunderliche ist, das frank elsner wohl alles machen darf…..also wenn der ein tieferes verständnis von musik hat , will ich wolf heissen !

    with kind regards
    mt

  2. Sabria

    Es mag banal sein, was sie gesagt hat. Aber es war trotzdem etwas Besonderes, dass sie das in der Interviewsituation so gesagt hat. Ich habe mich jedenfalls darüber gefreut. Und: Ja, das ist die mit den Wölfen.

Kommentare