Am 26. November 2009, scheint der Tag des Medienwandels zu sein. Ich weiß nicht, ob das ein wiederkehrender Gedenktag ist, aber die Dinge scheinen sich zuzuspitzen. Vielleicht wird der Tag auch eines Tages umgewidmet in einen Print-Medien-Gedenktag. Das ist wohl der zentrale Gedanke, an dem sich viel entzündet: Haben Print-Medien eine Zukunft - und wenn ja: welche? Die Meinungen sind da naturgemäß sehr geteilt. Stephen Fry, der auf der Micro-Bloggingplattform Twitter inzwischen über eine Million Zuhörer/potentielle Gesprächspartner hat, spricht auf der 140 character conference in London von der “dead wood press” und konstatiert lakonisch: “We don’t need them anymore”.

Das ist verständlicherweise eine Horrorvision für Menschen wie Frank Schirrmacher, der Mitherausgeber der FAZ ist. Schon am Montag Abend sahen wir ihn mit Instinkt für stereotype Themen in einer denkwürdigen Herrenrunde bei Reinhold Beckmann sitzen und über sein neues Buch “Payback” sprechen. Dort zeichnete er einvernehmlich mit der Runde das Bild des Internet als aufmersamkeit- und menschenverschlingendes Wesen (hier eine Aufzeichung der Sendung). Bei mir selbst hat dieser Auftritt Ratlosigkeit hinterlassen bei dem Gedanken, dass es sich bei dieser (ebenfalls recht ratlosen, aber entschieden unneugierigen) Runde um die Bildungselite Deutschlands handelt. Befremdet hat mich, wie triumphierend Schirrmacher Studienergebnisse anführte, ohne jede Neigung zur Quellenkritik, die ich nicht nur von Qualitätsjournalisten erwarte. “Das hat eine Studie herausgefunden!” ist doch ein genauso relatives Argument wie “Das hat in der Zeitung gestanden!” Ist das der kritische Diskurs, den wir brauchen?

Print und Online, das scheint gerade nicht gut zu laufen. Thomas Knüwer war ja schon gestern nach einer Begegnung mit Neven DuMont gehörig der Kragen geplatzt. Sie trafen auf einer Veranstaltung der DIHK aufeinander, bei der beide (darin immerhin sind sie sich wohl einig) keinen Spaß hatten.

Richard Gutjahr, selber Fernsehjournalist und Mann der Bilder, hat sich in seinem Blog eine eigene Version von dem Medienwandel als Horrorvision ausgemalt. Sehr köstlich, wie da der fiese Gugel das arglose Global Village heimsucht (und sehr erfrischende Abbildungen dazu).

Eine direkte Replik auf Schirrmacher und seine Thesen gibt der großartige Peter Kruse in seinem heutigen Interview mit der Süddeutschen. Darin wird vor allem eins deutlich: Es ist schwer, etwas zu kritisieren, das man so gründlich missversteht wie Frank Schirrmacher das Internet. Und eine kritische Auseinandersetzung mit dem Medium Internet muss ja sein. Aber wer soll das übernehmen? Die, die es nicht verstehen, bringen nur auf diese oder jene Weise ihr Unbehagen zum Ausdruck. Und die, die es verstehen, sind so damit beschäftigt, das Internet gegen ungerechtfertige Angriffe zu verteidigen, dass niemand mehr Kraft für berechtige Kritik hat.

Wie geht es da weiter? Ich glaube, es führt kein Weg an diesem Dreischritt vorbei: Hinsehen. Verstehen. Und dann Kritisieren. Hoffen wir, dass uns das gelingt.

Ebenfalls zum Thema Medienwandel: Mein Vortrag Über die Genese offener Werke” und mein Beitrag über das Internetphänomen Twitter in der brand eins.

Nachtrag:

Auch Christian Stöcker schreibt auf Spiegel Online über die schirrmachersche Talkrunde (und vermag im Internet kein sinistres Geheimprojekt zu erkennen).

Interessanter Gedanke von Martin Weigert auf netztwertig.com (als Reaktion auf die Rezension im spiegelfechter): Die Umkehrung der Wissensweitergabe, in der junge Leute den Schirrmachers die neuen Medien erklären müssen.

Abbildung: Buchdruck um 1568. Zit. nach Wikipedia

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Kommentar zu “Tag des Medienwandels”

  1. Diskurs: ein hin- und hergehendes Gespräch | TEXT-RAUM

    [...] und Blogbeiträgen? Das lässt sich nicht genau feststellen. Sicher ist jedenfalls eine Zunahme an Äußerungen zum Thema Medienwandel. Ich finde das gut, schließlich ist der Medienwandel auch eines meiner [...]

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