re:publica | Rotkäppchen 2.0

In Berlin fand vom 1. bis 3. April 2009 der Medien-Kongress re:publica 09 statt. Kongressthema war der sich ereignende Medienwandel (”Shift happens”). Der Vortrag “Märchen als User Generated Content” stellt das Web 2.0 in eine Reihe kulturhistorischer Shifts, die von der Mündlichkeit über den Buchdruck bis zur Wiederentthronung des Autors/Urhebers reichen. Er analysiert die strukturellen Parallelen zwischen der Märchen-Entstehung und heutigen Modellen der Kollaboration wie Open Source Software und Wikipedia und wagt einen Blick über den Tellerrand der Disziplinen.

“Das Märchen lebt”, auch heute noch. Der beste Beweis dafür sind die Märchenstunden von Björn Grau und Max Winde (zu hören und zu sehen hier und hier), in denen die Blogger/Twitterer/Podcaster Märchen lesen, neuerzählen, auslegen und so die mündliche Tradition der Märchen in den neuen Medien aufs Amüsanteste wiederbeleben.

Der re:publica Vortrag vom 3. April 2009 zum Nachlesen:

Kommentare und Anmerkungen nach dem Vortrag

Im Gespräch entwickelten sich weitere Aspekte:

  • Kann man die zeitliche Vertikale tatsächlich durch eine zeitliche Horizontale ersetzen? Welcher Unterschied besteht zu Content, der in kurzer Zeit entsteht? Er ist zeitabhängiger, weniger „überzeitlich”.
  • Ist die Qualität urbaner heutiger Mythen geringer als früher? Die Mündlicheit ist in heutiger Zeit nicht so im Alltag verwurzelt → es entstehen nur ephemere Erzählungen mit einer kurzen, szenischen Pointe. Märchen sind zwar nicht länger, aber vielschichtiger.
  • In Odysee und Ilias werden minutiös Trachten, Kleidung, Waffen- und Schuhwerk beschrieben: Weil ein Erzählstoff damals zugleich Modejournal, Technikzeitschrift und Regenbogenpresse war. Diese Bedürfnisse muss eine urbane Legende als Medium heute nicht mehr erfüllen.
  • Sind die von den Grimms dokumentierten Märchen wirklich ausgereift oder eher holprig, voller Brüche und Fragmente → Open Source Software dürfte nie so sein. Sind es nicht doch Äpfel und Birnen? (Vielleicht ja: aber welche, die gleich entstehen).
  • Wurden (werden) Märchen eher von Kindern oder Erwachsenen rezipiert? Welche Rolle spielen sie für die Tradierung von Kulturwerten? Wo sind die Unterschiede zu heutigen urbanen Legenden?
  • Einzelne Youtube-Videos können nicht verändert werden, sondern werden so weitergeleitet wie sie sind, ohne Bearbeitung. Nicht der Einzel-Content-Baustein passt sich hier evolutionär an, sondern die Gesamtheit aller Videos an sich. Und diese verändert sich mit jedem Video, das hinzugefügt oder herausgenommen wird. Das Ganze ist dann der Schwarm und nicht die Einzelfische.

Sie finden den Vortrag auch bei slideshare.

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4 Kommentare zu “re:publica | Rotkäppchen 2.0”

  1. Märchenstunde 3 – Vom Fundevogel | Spreeblick

    [...] P.S.: Der fast schon märchenanalytische hintergründigere Teil des Gesprächs entstand unter dem Eindruck dieses Vortrags. [...]

  2. Märchenstunde 3: Vom Fundevogel - Graubrot

    [...] P.S.: Der fast schon märchenanalytische hintergründigere Teil des Gesprächs entstand unter dem Eindruck dieses Vortrags. [...]

  3. Das Web 2.0 ist nur ein Märchen « Bluemac

    [...] Das hilft jenen, die es noch nicht probiert haben, wenig. Die Präsentation ist in einer ersten Version auf der Re:publica 09 gehalten worden. blog comments powered by Disqus var [...]

  4. Märchenstunde » Blog Archive » Märchenstunde 3 – Vom Fundevogel

    [...] P.S.: Der fast schon märchenanalytische hintergründigere Teil des Gesprächs entstand unter dem Eindruck dieses Vortrags. [...]

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