Wird das Andere weniger?

“Ist es denkbar, dass durch die zunehmende Transparenz des Wissens, der Meinungen und der Aktivitäten der Teilnehmer des Netzes gerade die für eine biologische und kulturelle Entwicklung notwendigen Unterschiede individueller, abgekapselter Gruppen verlorengehen?”

Diese Frage stellt sich Michael Reuter in seinem Blogbeitrag. Berichte über den Tod des Anthropologen Claude Lévi-Strauss ließen ihn über die “Traurigen Tropen” im Lichte des Internets nachdenken. Und er fragt uns, was davon zu halten ist. Nun, Benedikt Koehler hat bereits mit einem Blogbeitrag geantwortet. Jörg Blumtritt weist zu Recht auf die Retribalisierung von McLuhan als Gegenthese hin. Hier nun meine Antwort. Eine Antwort mit neuen Fragen:

Das Großartige am Internet und seinen Echtzeit-Möglichkeiten ist (neben der Entdeckung von bisher verborgenen Ähnlichkeiten) gerade die Vielfalt und die inspirierenden Begegnungen zwischen Verschiedenem. Das Aufspüren von Anderem (und Anderen) ist eine Bereicherung. Es ermöglicht uns, die eigenen Positionen und Perspektiven zu ergänzen, zu widerlegen und weiterzudenken.

Aber so schön der Gedanke ist, Diverses zusammenzuführen, ich habe mir tatsächlich nie darüber Gedanken gemacht, was geschieht, wenn wir einmal alles zusammengeführt haben. Ist das Diverse dann weg und löst sich in einem zusammengeführten Ganzen auf? Verschwindet das verborgene Verschiedene, wenn man es ans Licht zerrt? Verliert es seine Identität?

Das hieße, dass wir das, was wir mögen, gerade dadurch zerstören, dass wir es mögen. Wie einen Schneekristall, den wir mit warmem Finger berühren. Wie ein idyllisches, abgelegenes Fischerdorf, das wir durch unsere Begeisterung zum Touristenmagneten machen. Wie ein Kind, das einen Marienkäfer totkost.

Hoffen wir, dass die Verschiedenheiten, die wir zur kulturellen Weiterentwicklung brauchen, in dem Maße nachwachsen, wie wir sie durch ihre Entdeckung absorbieren.

Das Internet hat - so hoffe ich - zwei gegenläufige Effekte: Einen der Zusammenführung von Verschiedenem (mit der Gefahr der Nivellierung) und einen Effekt der Individualisierung (durch Clusterbildung sich zusammenfindender von der Norm abweichender Ansätze).

Wäre ein Zustand überhaupt denkbar, dass es keine neuen Kontinente, ja nicht einmal mehr Inseln an neuem Wissen zu entdecken gibt? Würden wir nicht in die Tiefsee ausweichen oder ins Weltall, um anderes zu entdecken?

Denken wir uns das Andere als nachwachsenden Rohstoff.

Unterschiedliche Denkbiotope werden bleiben, egal wie stark der Austausch durch die neuen Medien sein wird. Dieser Austausch macht es möglich, dass sich unterschiedliche Ansätze zusammenfinden und sie ihre Positionen klarer artikulieren können. Vielleicht hilft uns gerade die von Marshall McLuhan angekündigte Retribalisierung der Menschen durch das elektrische Zeitalter, diese unterschiedlichen Denkbiotope zu pflegen.

Nachtrag I:

Das Ende der Kultur findet bis auf weiteres und trotz Internet nicht statt, schreibt Peter T. Lenhart in seiner Antwort auf Michael Reuter. Er entwickelt den Begriff der Retribalisierung weiter, frönt wildem Denken, der Bricolage und führt die Begriffe “Patchworkdörfer” und “tribal media” ein.

Nachtrag II:

Die Debatte zwischen Divergisten und (Halb-)Equivalisten geht in die nächste Runde: “Ist das Web ein Gleichmacher oder Quelle der Vielfalt?” fragen sich Michael Praetorius, Michael Reuter und Benedikt Köhler auch in der Lévi-Strauss-Folge der Isarrunde. Sie einigen sich - schnell - gütlich und setzen hoffungsvoll auf die Vielfalt.

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4 Kommentare zu “Wird das Andere weniger?”

  1. Janine (lenerl)

    “Unterschiedliche Denkbiotope werden bleiben, egal wie stark der Austausch durch die neuen Medien sein wird. Dieser Austausch macht es möglich, dass sich unterschiedliche Ansätze zusammenfinden und sie ihre Positionen klarer artikulieren können. Vielleicht hilft uns gerade die von Marshall McLuhan angekündigte Retribalisierung der Menschen durch das elektrische Zeitalter, diese unterschiedlichen Denkbiotope zu pflegen.”
    Stimme vollumfänglich zu. In diesem Zusammenhang hilft auch ein Blick auf die Intentionalität des Bewusstseins und oder Habermas.
    Der Mensch hat die Fähigkeit zur Akkomodation. Das wird uns davor bewahren das Andere zu assimilieren.

  2. Marc Frey

    Ich bin da gar nicht besorgt! Durch das Zusammenführen wird Neues entstehen. Und dieses Neue wird uns wieder Unterschiedlichkeiten offenbaren, wird uns dabei als Messlatte und Vergleich dienen. Denn so wie wir einerseits zum Gemeinsamen streben, so finden wir darin auch immer wieder unsere Differenzierungen. Und ohne diese Unterschiede auch wollen und zulassen zu können, wären wir auch gar nicht in der Lage, Gemeinsames zu schaffen, könnten dessen Wert nicht ermessen. Und deswegen glaube ich auch, das Gegenteil wird der Fall sein: Das Gemeinsame, das an Grösse gewinnt, birgt in sich schon den Keim zu neuen Unterschiedlichkeiten.

  3. Kulturelle Vielfalt oder Einheitsbrei? at viralmythen

    [...] eine kontroverse Diskussion über dieses Thema und es folgen weitere Blogeinträge hier, hier und hier – und hier wird sogar ein Blog eigens für diesen Zweck wieder reaktiviert. [...]

  4. S. David

    “Ist das Internet ein Gleichmacher oder Quelle der Vielfalt?” Hier der aktuelle Link auf die Forlge der Isarrunde: http://www.isarrunde.de/isarrunden/machen-netzwerke-wie-facebook-das-internet-ueberall-gleich.html

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