“Zuhörer” statt “Sprecher”. Ein Gedankenspiel

Neulich kam mir ein Gedanke. Und zwar dieser: Was wäre, wenn Unternehmen die Position des “Unternehmenssprechers” durch die eines “Zuhörers” ersetzen würden? Diese Person würde nicht auf Pressekonferenzen zu der Presse sprechen, sondern sie würde hinhören − auf die Gedanken der Menschen, die mit ihrer Organisation zusammenarbeiten oder die die Produkte und Dienstleistungen ihres Unternehmens nutzen. Sie hätte ein offenes Ohr. Nicht nur zwischen Tür und Angel, sondern dieses offene Ohr wäre die eigentliche Aufgabe.

Der “Zuhörer” könnte natürlich nicht bestimmen, was er zu hören bekommt. Nein, er müsste, ob es ihm angenehm ist oder nicht, hören, was er zu hören bekommt. Eine schwere Aufgabe. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, dem “Sprecher”, der es sich leicht machen konnte, der immer Herr seiner Aussagen war und Informationsströme lenken konnte, früher. Nein, das Zuhören ist ein schwereres Geschäft als das Sprechen. Ich hätte Sympathien für jemanden, der eine solche Aufgabe erfüllt. Das bedeutet Verantwortung. Mit dem Hören wäre es ja nicht getan. Mit dem Gehörten muss ja etwas geschehen. Gewichten, Auswerten, Weiterleiten. Aber welche Chancen hätte man! Verändern, besser werden. Andere Wege gehen. Noch mal nachhören. Noch besser werden. Und ist die Zeit der Proklamationen nicht längst vorbei?

Sicher, zur Kommunikation gehört beides, das Zuhören und das Sprechen. Aber in dem einen haben wir mehr Übung als in dem anderen. Wir müssen uns erst daran gewöhnen, dass Kommunizieren nicht nur Sprechen bedeutet. Es ist uns ungewohnt, dass das, was wir sagen, echt sein muss. Weil andere, die entdecken, dass wir etwas Falsches versprochen haben, es weitersagen. Weil irgendjemand anderes auch da war und etwas anderes gesehen hat. Unsere Welt hat sich geändert. Die großen Versprechungen ohne Gegenwerte haben sich nicht eben bewährt.

Es verändert sich viel. Die Grundidee hinter dem Medienwandel, den viele beklagen, ist die: Dass aus reinen Mitteilungskanälen Wechselkanäle werden. Dass Informationen und Einflüsse in beide Richtungen fließen. Das löst bisherige Strukturen auf. Aber es schafft auch Chancen. Eine neue Kultur der Kommunikation. Über Generations-, Partei- und Interessensgrenzen hinweg. “First we start by listening.” Damit ging der Demokrat Obama die Neupositionierung im Nah-Ost-Konflikt an. Der Republikaner Schwarzenegger sagt im Gespräch mit den Twittergründern Evan Williams und Biz Stone, was er an neuen Medien schätzt: You can “go and ask” und: you get “immediate response”. Der Nutzen für den Gouverneur ist dabei ganz irdisch: “People come up with all kind of great ideas”. Und die kann er derzeit gut gebrauchen.

So stelle ich mir die Kommunikation der Zukunft vor. Sie spricht und hört zu. Diese Kommunikation ist nicht linear, sondern dreidimensional. Das Diskursive, das Hin und Her eines Gesprächs gehört auch zu ihr. Das reicht bis in die Unternehmensstruktur hinein. Wie wird mit Fehlern umgegangen? Wie wird intern mit Informationen und mit Wissen umgegangen? Teilen wir sie mit anderen oder behalten wir sie für uns? Wollen wir wirklich, dass unsere Kunden mit uns Kontakt aufnehmen? Wie zeigen wir das?

Das Megaphon des Sprechers und das Hörrohr des Zuhörers haben dieselbe Gestalt. Vielleicht kann man ja ein und dasselbe Instrument für die Kommunikation der Zukunft gebrauchen, wer weiß. Und, wer weiß, vielleicht leisten sich die Regierungen der Zukunft ja neben einem Regierungssprecher auch einen Regierungszuhörer.

Foto Marmorohr: Helge David

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Kommentar zu ““Zuhörer” statt “Sprecher”. Ein Gedankenspiel”

  1. Tom

    Schöner Artikel. Habe kürzlich auch zum Thema geblogt und ein gutes Video dazu gefunden:

    http://bleafyourblog.blogspot.com/2009/08/erfolgreiche-online-pr-weniger-reden.html

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